Hallo Zusammen,
schon wieder ist es November. Die Sonne leuchtet selten in dieser Zeit, wohl aber die wenig beachteten Straßenlaternen. Ich habe mal eine von ihnen interviewt.
Interview mit einer Straßenlaterne
Ja, guten Abend.
Meine Herstellungsnummer lautet XE-212-AD5b. Wären Sie so freundlich, mir zu sagen wie spät es ist? Ach so, gut, dann haben wir noch ein bisschen Zeit, bis ich arbeiten muss.
Wie lange ich hier schon meinen Dienst versehe? Das kann ich Ihnen nicht aufs Jahr genau sagen. Ich weiß nur, damals gab es noch nicht so viele Autos in meiner Straße. Ob das langweilig ist, immer auf einem Platz zu stehen? Keinesfalls! Je später der Abend, desto spannender die Gäste. So sagt man unter uns. Könnten sie mir bitte gerade den Zettel abmachen, den zwei handwerklich begabte Philosophiestudenten auf Wohnungssuche dort vor vier Monaten mit doppelseitigem Klebeband befestigt haben? Autsch. Oh endlich, vielen Dank.
Nun zurück zu ihrer Frage. Vor ein paar Monaten hat sich ein Frauenkegelclub um mich versammelt. Voll wie die Strandhaubitzen, dass kann ich ihnen aber versichern.
„Ich geh` mit meiner Laterne...“, haben sie gesungen, sofern man das noch singen nennen konnte. Immer wieder. Und bei "Rabimmel, Rabumm“ haben sie sich fast in die Hosen gemacht vor Lachen. Erst fand ich es auch noch lustig aber dann ist der Dicken schlecht geworden und dann... Ja, dann habe ich gedacht, das Straßenpflaster hat auch sein Päckchen zu tragen.
Richtig lieb habe ich den Dichter, der in meinem Lichtschein immer schnell ein paar Ideen aufschreibt, bevor sie ihm verloren gehen. Er lehnt sich dann ganz versonnen an meine Seite und wir schauen eine Weile gemeinsam in den Nachthimmel. Das nenne ich Glück.
Dann gibt es noch jede Menge Katzen, die nachts unterwegs sind. Und die sind mitnichten alle grau. Engumschlungene Liebespaare wandeln den Gehsteig entlang. Interessanter sind allerdings die ehemaligen Liebespaare, von denen der eine die Klamotten des anderen aus dem vierten Stock wirft. Ach, wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören? Ich bin glücklich.
Das einzige Zipperlein was mich plagt, ist der Blendschutz auf der linken Seite. Da, sehen sie? Den haben sie mir verpasst, weil der Misanthrop von Hausnummer 24 angeblich nicht schlafen konnte. Wegen mir und der von mir ausgehenden Lichtverschmutzung. Lichtverschmutzung, haben sie so etwas schon mal gehört? Dabei verrammelt er sich doch hinter Vorhängen und Rollos, das er bestimmt die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann, der alte Grottenolm. Dem sollten sie mal die Sparlampe auswechseln. Entschuldigen sie meinen Gefühlsausbruch, aber ich bin noch nicht richtig darüber hinweg. Manchmal fühle ich mich wie ein Brauereipferd mit Scheuklappen. Undank ist eben der Welten Lohn.
Aber wie gesagt, im Grunde bin ich glücklich. Ich bekomme doch so viel zu sehen. Morgens bin ich ganz satt vom vielen Gucken, lösche das Licht und schlafe ruhig und zufrieden ein, in der Gewissheit, dass der Mensch ohne mich nicht sein möchte.
Sind sie auch zufrieden? Ja? Na wunderbar. Dann entschuldigen sie mich bitte, ich muss mich jetzt an die Arbeit machen. Vielleicht sieht man sich noch mal.
Danke. Ihnen auch einen schönen Abend. Auf Wiedersehen.
Dienstag, 11. November 2008
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- Ich schreibe Geschichten. Und das meistens am Küchentisch. Über Themen rund um den Küchentisch. Kinder, Szenen einer Ehe, Intrigen, wunderbares und erstaunliches, schäbiges, abtrünniges, erbauliches, schaurig schönes, manchmal auch über einen kleinen Mord. Wie das eben so ist im Leben.
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