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Sonntag, 24. August 2008

Tenskwatawa, alter Schamane

Hallo Zusammen,
gestern war es dann soweit. Ich fürchte, man hat es mit dem Regentanz ein wenig übertrieben. Denn geregnet hat es gestern. Und nicht zu wenig.
Schön war`s trotzdem bei Stephanie und Olaf in der Werkstatt!!!
Aber lest selbst, wie es dazu kam...

Viele Grüße
Andrea



Tenskwatawa

1888. Der Chaco Canyon im trockensten August, an den sich die Hopi Indianer erinnern können. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Die Erdkruste ist ziegelartig aufgeplatzt und der Colorado-River zu einem braun-schlammigen Rinnsal verdampft. Ein Tigersalamander sucht Kühle in einer Mauerspalte des Pueblos. Roter Sand, fein wie Puddingpulver, weht durch den Canyon.
Es ist Zeit um Regen zu bitten. Zeit für den Schlangentanz. Der treibende Rhythmus der Trommeln, die Gesänge und das Meskalin von vier oder fünf Peyotekakteen, ebnen ihm, Tenskwatawa dem Schamanen, den Weg zu den Göttern. Dem treibenden Rhythmus der Trommeln folgend, ziehen die weißen Wolken am hellblauen Himmel schneller und schneller dahin.
Tenskwatawa hält die mit Mehl bestäubte Klapperschlange erst der Sonne entgegen, dann verbeugt er sich mit ihr vor der Erde. Perlenbestickte Mokassins berühren schnell und leicht den Boden. Die Adlerfedern seiner Flechtfrisur, wippen im Takt. Er spürt das Gewicht der Schlange in seinen Händen und die Sonne auf seiner Haut.
Die Farben des Canyons verschmelzen mit denen des Himmels. Die Sonne beginnt bereits hinter den Tafelbergen zu versinken, als der Boden unter Tenskwatawas Füßen erzittert. Das wird der Donner sein, der dem Regen vorauseilt. Er sinkt auf die Knie. Tenskwatawa fühlt sich Manitu ganz nah, so wie damals, als er vom Stammesältesten seinen Namen erhielt. Tenskwatawa , „Die offene Tür“.

Die Männer hören auf zu trommeln. Seltsam. Tenskwatawa zwingt seinen Geist zur Erde zurück. Unter halbgeschlossenen Augenliedern erblickt er eine grauschwarze Wolke am Horizont. Seine Brüder flüchten in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Stimmen klingen drängend, als sie nach ihm rufen. Er kann nicht laufen, denn seine Beine sind noch nicht auf der Erde angekommen. Die Wolke kommt auf ihn zu. Aus dem Grauschwarz schälen sich massige Gestalten. Bisons, wütende Bisons.
Er bemerkt, ohne es zu sehen, dass etwas hinter ihm aufgetaucht ist. Seine tastenden Fingerkuppen treffen auf warmes, raues Holz. Sollte das die Tür, sein Schutzgeist sein?
Tenskwatawa sieht schon das Rot im Auge der Bisons und die Luft ist mit ihrem Geruch durchtränkt. Er setzt alles auf eine Karte und stößt die Tür mit der Schulter auf, überlässt die Schlange ihrem Schicksal und stürzt auf die andere Seite.
*
August 2008 im Garten des Ateliers Chaco.
Die blonde Frau trägt ein türkisfarbenes Kleid mit aufgestickten silbernen Federn. Sie steht vor der blauen Tür in der Hecke. Ihre Hand umfasst ein Glas Prosecco und das führt sie immer wieder zum Mund. Sie spricht die ausstellende Künstlerin an „: Frau Ahn, was genau war ihre Intention diese Tür an eben dieser Stelle zu platzieren?“ Stephanie Ahn will gerade antworten, als die Tür mit einem Knall aufspringt. Die Türkise wird durch die Wucht der sich öffnenden Tür in die Hecke gepresst. Benommen hängt sie im Grün und das Glas Prosecco landet mit einem dumpfen Aufprall auf dem Beet. Die Türkise folgt dem Glas wenig später.
Tenskwatawa schließt die Tür, so schnell er kann und stemmt sich mit dem Rücken dagegen. Alle Besucher des Chaco-Gartens hören das Schnauben auf der anderen Seite der Tür.
Aus wachsamer Haltung schaut Tenskwatawa in die Runde. Weiße. Merkwürdig gewandete Weiße! Eine davon liegt auf der Erde. Macht man das hier so? Als er den Blick anhebt sieht er ein Pueblo, Wappenpfähle, Kokopellis und Salamander aus Eisen. Ist er bei Manitu?
Da sind zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, in Indianerkleidung, sogar eine Feder tragen sie jeder auf dem Kopf. Die Federn sind an einem Papierband befestigt. Das darauf `Neue Westfälische` steht, bleibt Tenskwatawa verborgen. Die beiden lächeln ihn an. Tenskwatawa nickt ihnen zu und macht das Zeichen für Freund, indem er zwei Finger seiner rechten Hand hebt.
Einer der Gäste hält das Erscheinen Tenskwatawas für eine Showeinlage und applaudiert. Er schlägt vor, einen Regentanz zu zelebrieren.
Die Türkise ist sofort dabei. Der Gast und die blonde Frau ziehen im Rhythmus imaginärer Trommeln Bahnen durch den Garten. Der Rest der Gesellschaft schließt sich dem Regentanz, der eher eine Polonaise ist, nach und nach an.

Tenskwatawa beobachtet still das Treiben. Die spinnen, die Weißen!
Unerwartet zerspringt ein dicker Regentropfen auf seiner Nase. Ein weiterer perlt seine Wange hinunter, dann noch einer und noch einer... Tenskwatawa stößt einen wilden Kehlkopflaut aus. Er hält sein Gesicht dem Himmel entgegen und genießt den stärker werdenden Regen. Manitu hat ihn gehört. Oder war es der Zauber der Weißen? Vielleicht können sie doch mehr, als man ihnen zutraut.

Nun, er will zurück. Er geht auf die blaue Tür zu und hält sein Ohr an das Holz. Erst dann öffnet er sie vorsichtig. Bevor er hindurchgeht, dreht er sich noch einmal um und verabschiedet sich mit dem Handzeichen für Freund von den Stadtindianern. Die Türkise reckt den Hals und starrt wie alle anderen, gebannt auf die geöffnete blaue Tür. An der Türschwelle vermischt sich Kerria japonica mit verregnetem Steppengras. Tenskwatawa schreitet weiter in sein Land. Je kleiner er durch die Entfernung zu werden scheint, desto mehr verweben sich die orangeroten Töne des Canyons mit dem Grün der Hecke. Die blonde Frau seufzt unüberhörbar. Allen tränen schon die Augen, denn keiner traut sich zu blinzeln, niemand will etwas verpassen. Aber schon beim nächsten, unabänderlichen Wimpernschlag ist die Hecke wieder eine Hecke, in deren Grün eine blaue Tür steht.



Andrea©Gehlen Juni 2008

Montag, 11. August 2008

BuchBar Lesung




Hallo zusammen,
es ist mal wieder so weit. Meine Zweitfamilie und ich als BuchBar lesen Euch ´was vor. Was genau, wird eine Überraschung - für alle Beteiligten. Nur so viel, es ist bestimmt für jeden etwas dabei.
Am 23 August um 17 Uhr im Atelierhaus Chaco in der Weststraße 32 in Bielefeld.
Im Zaubergarten von Stephanie Ahn & Olaf Hülsmann im Rahmen der offenen Ateliers und der offenen Gartentore. Eintritt frei.

Wir freuen uns auf Euch

Viele Grüße

Andrea

Über mich

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Ich schreibe Geschichten. Und das meistens am Küchentisch. Über Themen rund um den Küchentisch. Kinder, Szenen einer Ehe, Intrigen, wunderbares und erstaunliches, schäbiges, abtrünniges, erbauliches, schaurig schönes, manchmal auch über einen kleinen Mord. Wie das eben so ist im Leben.