Hallo zusammen,
die Geschichte ist entstanden, als ich mit meiner Zweitfamilie BuchBar in der Buchhandlung Boulevard nachts geschrieben habe. Sigrid hatte die "Übernachtung" in beim Westfalen-Blatt gewonnen. Thomish hatte im Vorfeld das Buch "Charakterbilder von Theophrast" ausgegraben und jeder bekam per Los einen Charakter, den er an einem Ort in der Buchhandlung treffen sollte. Ich traf den Misstrauischen am gelben XXL-Sofa. Bin ja bloß froh, dass es nicht der Grobian war.
viele Grüße
Andrea
Misstrauen ist ansteckend
Sie war schon seit Stunden unterwegs. Hosen kaufen. Das ist mit Abstand das schwerste Unterfangen für eine Frau mit einer schwierigen Figur. Kommt davon, wenn man die Finger nicht von der Schokolade lassen kann.
Hosen kaufen, das war eine beschwerliche Reise durch samtverhangene Folterkammern. Wo grausame Verkäuferinnen augenblicklich erschienen, wenn sie versuchte die Hose über ihrer Problemzone zusammenzuquetschen. Die dann zuckersüß fragten“: Uhund passt DIE denn?“ In einer solchen Situation noch freundlich zu bleiben, das zeigt wahre Größe.
Sie schaffte es gerade noch die dürre Ziege nicht anzufallen und zu antworten“: Schon ganz gut, aber die ist es noch nicht.“
In Hosen mit niedrigem Bund sah sie aus wie ein Eierbecher aber die mit Komfortbündchen kamen nicht in Frage. Karottenjeans ließen ihr künstliche Reiterhosen aus Stoff wachsen. Die meisten behinderten die natürliche Atmung oder gingen erst gar nicht zu.
Nach Anprobe von 420 Beinkleidern klebte die Zunge am Gaumen, die Frisur war restlos ruiniert und man sah ihr an, das dieser Einkauf kein Zuckerschlecken war. Woher bloß nahm sie den Mut immer wieder das Unmögliche zu versuchen? Am allerliebsten hätte sie ein bequemes Bärenfell als Alltagsbekleidung gewählt. Denn keine Hose auf diesem und den umliegenden Planeten wurde je für sie geschneidert.
Sie wollte nur ein Weilchen auf dem gelben XXL Sofa in der Boulevard Buchhandlung sitzen. Ihr Trostsofa nach erfolglosen Jagten auf passende Hosen. Auf dieses Sofa würden noch zwanzig andere schwierige Figuren passen und sie würde darauf ausruhen, bevor sie sich nach Hause schleppen würde. Die unzähligen schweigsamen Bücher geben ihr die Möglichkeit sich abzulenken und die Schmach der grell beleuchteten Umkleidekabinen in Druckerschwärze versinken zu lassen.
Wieso schlich der kleine Mann immer um den Büchertisch herum, der vor dem Sofa aufgestellt war? Wieder und wieder kreiste er um den Tisch. Ein Wunder, dass sich die Titel nicht unter seinen Peter-Lorre Blicken zersetzten. Ab und zu schielte er zu ihr herüber. Sie blickte durch ihn hindurch, damit er ja nicht auf die Idee käme, sie anzusprechen. Dann versenkte sie sich in den Regionalkrimi „Am Abgrund“ von Jürgen Siegmann.
Das Problem war, dass der kleine Mann mit dem stramm über dem linken Ohr ansetzendem Seitenscheitel freigiebig Schwaden von altem Schweiß freisetzte. Er hatte eine mausgraue Polyesterjacke und eine bügelfreie Hose der gleichen Farbe an. Er lächelte in ihre Richtung. Ein schiefes verzerrtes Lächeln, bei dem er versuchte, den fehlenden Schneidezahn zu verbergen. Was bloß wollte er von ihr?
Er fingerte mit der rechten Hand an seiner linken Jackenbrusttasche herum, warf einen schnellen Blick nach hinten und fragte sie dann mit leiser Fistelstimme“: Wissen Sie eigentlich wie viele Leute dieses Buch vor Ihnen in der Hand hatten. Und vor allem was sie vorher mit ihren Hände angestellt haben? Vielleicht hat es der arme Mann der mit Ebola auf der Intensivstation liegt, gestern noch in der Hand gehabt. Oder eine Chemiefachlaborantin hat sich nicht die Hände gewaschen und in den Poren des Papiers kleben Pestbakterien.
Oder stellen sie sich vor, sie hätten eine Hundeallergie und vor ihnen hat ein Hundebesitzer das Buch in den verhaarten Händen gehabt. Was alles auf den Seiten haften bleiben könnte: Hautfett, Blut von winzigen Schnittwunden, Essensreste, Hautschuppen, Popel, Nissen, farblose Wimpern...
„Hören Sie auf“, unterbrach sie ihn. Der Mensch ist nun mal nicht keimfrei, sie auch nicht!“
„Nein, nein“, bestätigte der graue Zwerg flüsternd ihren Einwand. „Aber ich nehme nur ganz neue, in Zellophan eingeschweißte Bücher.“ Er nickte ihr verschwörerisch zu.“ Lieber einmal mehr aufgepasst, als zu früh gestorben.“
Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Einmalhandschuh aus der schmierigen Brustasche. Er ließ das Gummi über dem Handgelenk zuschnappen, fasste den eingeschweißten Bestseller mit Pinzettengriff und ließ sie verdattert sitzen.
Nicht ohne einen angeekelten Blick auf das aufgeschlagene Buch zu werfen, das ihre Knie wärmte.
„So ein Idiot“, dachte sie und atmete tief durch, als er sich endlich entfernte und die Luft den Schweißgeruch verlor. Sie würde sich den Spaß von so einem misstrauischen Hypochonder nicht verderben lassen.
Sie wendete sich wieder dem Krimi zu. Doch wichen ihre Augen beim Lesen von den eleganten Formulierungen und erstaunlichen Wendungen ab. War da nicht ein Fleck neben dem P von Polizei? Vielleicht hatte der graue Zwerg doch nicht ganz unrecht und sie fing sich gerade in diesem Moment eine unheilbare Infektionskrankheit ein.
Sie schloss das Buch. Nein, nicht deswegen. Deswegen doch nicht. Aber ihr war plötzlich eingefallen, dass sie schon lange nach Hause wollte, sich mal gründlich die Hände waschen.
Andrea©Gehlen
Donnerstag, 8. Mai 2008
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