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Dienstag, 29. Januar 2008

Hallo liebe Lesenden,
jetzt gibt es endlich wieder etwas zwischen die grauen Zellen. Schreibt doch mal Kommentare. Ich weiß, dass Ihr da seid ;-)
viele Grüße
Andrea





Geburtstag

Es gibt Tage, da liegt einfach kein Segen drauf. Mein Geburtstag, der zwölfte November ist so einer. Natürlich regnete es auch dieses Jahr und der Himmel war bleigrau und sonnenlos.

Frau Dose, alleinstehend, Erdgeschoss, wuchs auch heute scheinbar aus dem Nichts zwischen den Treppenhauskacheln hervor. Sie sucht stets das Gespräch, wenn es sein muss mit Gewalt. Das geht dann ungefähr so“: Guten Tag Frau Marosch, so ein Zufall, dass ich sie heute treffe. Der arme Hund war ja wieder sehr viel alleine, wie? Sie wissen doch, es würde mir nichts ausmachen auf ihn aufzupassen, wenn sie nicht da sind. Er guckt schon immer so verstört.“ Sie strich mit ihrer welken Hand erst die Kittelschürze glatt und danach beifallheischend Castor über den kantigen Schädel. Castor leckte ihr die Hand. Sie zog sie hastig zurück. Frau Dose hat feine Antennen, wenn es darum geht, ob der andere weich wird oder nicht. So merkte sie schnell, dass die Wogen der Begeisterung ob ihres selbstlosen Vorschlags nicht allzu hoch schlugen, man könnte auch sagen nicht einmal ein Rinnsal bildeten. Deshalb versuchte sie es auf die harte Tour: „ Sie könnten ja auch mal wieder Laub aufsammeln, sie haben noch junge Beine. Nach allem, was sie sich schon geleistet haben.“
Letztes Jahr, zufälligerweise an einem 12 November hatte ich sie nach einer durchfeierten Nacht bemüht interessiert gefragt, ob sie in den Urlaub fahren wolle. Was mir leider zu spät auffiel war, das es keine Reisekoffer waren die sie umringten, sondern gefüllte Laubsammeltüten. Seit dem habe ich einen schweren Stand bei ihr.
Es reichte. Ich katapultierte den sich sträubenden Castor mit einem energischen Tritt vor die Haustür und befreite mich so von Frau Dose.

Und jetzt das. Als mich bückte um Castors Geschäft mit dem Hundebesteck aufzusammeln, fiel mir mein Schlüsselbund aus der Lammfelljackentasche. Nein, natürlich nicht auf den Gehsteig. An so einem Tag musste es natürlich der Gully sein.
Ich schaute fassungslos und in rechtwinkliger Haltung meinem Schlüssel hinterher. Warum hatte ich keinen Aufprall gehört? Wie tief ist eigentlich der Schacht, der hinter dem Kanaldeckel seinen Anfang hat? Wo führt er hin? Sind die Kanalsysteme von Gütersloh und Bielefeld miteinander verbunden? Und fließt Gütersloher Wasser genau so unorthodox durch die Kanalstraßen wie Gütersloher in Bielefeld Auto fahren? Mündet dieser Schacht letztendlich im Panama Kanal? Wohnt dort jemand?
Ungeachtet meiner philosophischen Ansätze zerrte Castor an der Leine. Er wollte nach Hause. Er verstand nicht, warum ich auf den Knien vor dem Gullydeckel hockte und hineinstarrte, dazu noch im strömenden Regen. Die spinnen die Menschen.
Auf dem Schachtdeckel, der tonnenschwer auf dem schwarzen Loch lagerte und aussah wie ein Toaster mit sieben Schlitzen für sieben Toastbrotscheiben war auf einem Stahlschildchen Klasse C eingeprägt. Branding für Gullydeckel. Noch nie hatte ich mir den Bürgersteig so genau angesehen. Der Gehsteig, ein beschriebenes Blatt. Bremsspuren von Kinderrollern. Rußpartikel von ausgetretenen Zigaretten, getrocknete Zitroneneispfützen, Schuhcreme in allen Farben, in den Granit eingearbeitetes Kaugummi, dazwischen Ansätze von lebenshungrigem Unkraut.

Mir wurde kalt. Der Schlüssel musste wieder her und das am besten sofort. Ich versuchte den Gullydeckel mit der Kraft der Verzweiflung anzuheben. Er bewegte sich keinen Millimeter. Winzig kleine Steinchen und wer weiß was sonst noch hatten ein perfides Bollwerk gegen die unsachgemäße Anhebung des Deckels gebildet.
Ich hätte Frau Dose um Asyl bitten können, bis der Schlüsseldienst gekommen wäre. Aber nein, ein zu hoher Preis. Das hätte mich mindestens vier Stunden inmitten ihrer Zierpuppenarmee gekostet. Ich wäre von ihren selbstgerechten Monologen ungeschützt ausgeliefert gewesen. Alles, nur das nicht. Man lernt!
Ich hätte die Feuerwehr oder meinen Freund Atze vom Schrottplatz mit seinem Kranwagen bitten können. Statt dessen legte mich bäuchlings auf den Bürgersteig und versuchte mit meiner Haarspange, die ich an meine Jackenkordel gebunden hatte im Nichts zu fischen. Es roch nach Stein, Eisen und moderndem Laub. Ich versuchte mit den Augen den Schlüssel in der Tiefe zu ertasten. Nichts, nur saugende Schwärze. Aber was war das dahinter? Ich meinte einen von Rauch umdampften Glutkegel zu erkennen. Befand sich unter jedem Schacht eine Schlüsselverschmelzungsanlage und das so komprimierte Metall ginge per Transportband gleich in den Besitz der Stadt über?
Jetzt blubberte es auch noch wie ein Geysir in Island. Dann kamen die Rauchwölkchen. Sie waren hellrosa und schon bald fühlte ich mich wie ein chloroformierter Wattebausch. „Wer macht so was?“, dachte ich noch und fiel in tiefen Schlaf.

Als ich in der Ausnüchterungszelle der Polizei aufwachte, Castor lag zufrieden unter der Pritsche, tastete ich aus alter Gewohnheit meine Jackentasche nach dem Schlüssel ab. Er war da. Ich zog ihn aus der Tasche. Er war heiß und winzige Rauchwölkchen gingen von ihm aus.
Ängstlich fragte ich den Polizisten“ ist heute immer noch der 12 November?
„ Nein der 13.“ Ich rief immer wieder „Hurra“ und tanzte, die Arme wild zum Himmel werfend durch die winzige Zelle. Ich fürchte ich habe auch geweint vor Glück und ihn auf die unrasierte Wange geküsst. Gott sei Dank, es war vorbei.

Nächstes Jahr am 12 November wird mir nichts passieren. Dafür habe ich gesorgt. Der nette Polizist musste es mir schriftlich geben. Am 11 November nächsten Jahres werde ich nämlich inhaftiert. Damit ich einmal im Leben in Ruhe Geburtstag feiern kann. Ich bringe Torte mit.

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Über mich

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Ich schreibe Geschichten. Und das meistens am Küchentisch. Über Themen rund um den Küchentisch. Kinder, Szenen einer Ehe, Intrigen, wunderbares und erstaunliches, schäbiges, abtrünniges, erbauliches, schaurig schönes, manchmal auch über einen kleinen Mord. Wie das eben so ist im Leben.