Zu meiner Homepage

Montag, 8. Dezember 2008

Zu meiner Homepage
Hallo Zusammen, Ihr könnt mich jetzt auch auf meiner (noch ausbaufähigen) Homepage besuchen. Einfach auf die Grafik klicken. Bis demnächst:-)
Viele Grüße
Andrea

Dienstag, 11. November 2008

Interview mit einer Straßenlaterne

Hallo Zusammen,
schon wieder ist es November. Die Sonne leuchtet selten in dieser Zeit, wohl aber die wenig beachteten Straßenlaternen. Ich habe mal eine von ihnen interviewt.


Interview mit einer Straßenlaterne


Ja, guten Abend.
Meine Herstellungsnummer lautet XE-212-AD5b. Wären Sie so freundlich, mir zu sagen wie spät es ist? Ach so, gut, dann haben wir noch ein bisschen Zeit, bis ich arbeiten muss.
Wie lange ich hier schon meinen Dienst versehe? Das kann ich Ihnen nicht aufs Jahr genau sagen. Ich weiß nur, damals gab es noch nicht so viele Autos in meiner Straße. Ob das langweilig ist, immer auf einem Platz zu stehen? Keinesfalls! Je später der Abend, desto spannender die Gäste. So sagt man unter uns. Könnten sie mir bitte gerade den Zettel abmachen, den zwei handwerklich begabte Philosophiestudenten auf Wohnungssuche dort vor vier Monaten mit doppelseitigem Klebeband befestigt haben? Autsch. Oh endlich, vielen Dank.
Nun zurück zu ihrer Frage. Vor ein paar Monaten hat sich ein Frauenkegelclub um mich versammelt. Voll wie die Strandhaubitzen, dass kann ich ihnen aber versichern.
„Ich geh` mit meiner Laterne...“, haben sie gesungen, sofern man das noch singen nennen konnte. Immer wieder. Und bei "Rabimmel, Rabumm“ haben sie sich fast in die Hosen gemacht vor Lachen. Erst fand ich es auch noch lustig aber dann ist der Dicken schlecht geworden und dann... Ja, dann habe ich gedacht, das Straßenpflaster hat auch sein Päckchen zu tragen.
Richtig lieb habe ich den Dichter, der in meinem Lichtschein immer schnell ein paar Ideen aufschreibt, bevor sie ihm verloren gehen. Er lehnt sich dann ganz versonnen an meine Seite und wir schauen eine Weile gemeinsam in den Nachthimmel. Das nenne ich Glück.
Dann gibt es noch jede Menge Katzen, die nachts unterwegs sind. Und die sind mitnichten alle grau. Engumschlungene Liebespaare wandeln den Gehsteig entlang. Interessanter sind allerdings die ehemaligen Liebespaare, von denen der eine die Klamotten des anderen aus dem vierten Stock wirft. Ach, wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören? Ich bin glücklich.

Das einzige Zipperlein was mich plagt, ist der Blendschutz auf der linken Seite. Da, sehen sie? Den haben sie mir verpasst, weil der Misanthrop von Hausnummer 24 angeblich nicht schlafen konnte. Wegen mir und der von mir ausgehenden Lichtverschmutzung. Lichtverschmutzung, haben sie so etwas schon mal gehört? Dabei verrammelt er sich doch hinter Vorhängen und Rollos, das er bestimmt die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann, der alte Grottenolm. Dem sollten sie mal die Sparlampe auswechseln. Entschuldigen sie meinen Gefühlsausbruch, aber ich bin noch nicht richtig darüber hinweg. Manchmal fühle ich mich wie ein Brauereipferd mit Scheuklappen. Undank ist eben der Welten Lohn.

Aber wie gesagt, im Grunde bin ich glücklich. Ich bekomme doch so viel zu sehen. Morgens bin ich ganz satt vom vielen Gucken, lösche das Licht und schlafe ruhig und zufrieden ein, in der Gewissheit, dass der Mensch ohne mich nicht sein möchte.
Sind sie auch zufrieden? Ja? Na wunderbar. Dann entschuldigen sie mich bitte, ich muss mich jetzt an die Arbeit machen. Vielleicht sieht man sich noch mal.
Danke. Ihnen auch einen schönen Abend. Auf Wiedersehen.

Freitag, 17. Oktober 2008

Hallo zusammen,

Neulich in Bielefeld:

Haben Sie mal ein Taschentuch für mich?

Man hat mir gesagt, ich sei eine schlechte Mutter. Gestern. Warum ich eine schlechte Mutter bin? Weil ich keine Papiertaschentücher in der Müttertasche habe. Da sind andere Sachen drin: Heftpflaster, Jodsalbe mein Textfragmentsammelheft, Bonbons, ein Portemonnaie, ein Türstopper, uralte Bons, Lipgloss auch uralt und anderes worüber ich nicht sprechen möchte.
Also, die Supermutti sagte zu mir eine gute Mutter hätte IMMER Tempos dabei. Besonders, wenn das Kind so erkältet ist, dass es seine Umwelt mit grünem Schleim beträufelt oder einfach außerstande ist spurenlos zu essen. Ich fühlte mich als Versagerin.
Dabei nehme ich es mir immer ganz fest vor. Kaufe Papiertaschentücher in Großhandelsmengen, vergesse aber leider sie einzustecken. Im Keller steht ein Regal mit...? Richtig, mit Papiertaschentüchern. Einige mit lustigen Figuren darauf. Andere mit Kuschelfaktor, dreilagige, fünflagige und welche, deren Packung man wiederverschließen kann. Wer welche braucht, der kann sich einen Karton bei mir abholen.
Allerdings gebe ich zu bedenken, das es etwas sehr kommunikatives hat, keine dabei zu haben. "Haben Sie vielleicht ein Tempo für mich? " Und schon hat man wieder einen neuen Mitmenschen kennengelernt und durfte sogar einen Blick in eine fremde Handtasche erhaschen. Ich muss sagen, so unaufgeräumt ist meine gar nicht.
Die Person die mir vorgehalten hat ich sei aus Mangel an Taschentüchern eine schlechte Mutter hatte übrigens selber keine dabei. Ha! Wieder mal typisch für diese Supermuttis. Mit dem nackten Finger auf andere zeigen und selber Taschentücher im Keller horten.

Sonntag, 24. August 2008

Tenskwatawa, alter Schamane

Hallo Zusammen,
gestern war es dann soweit. Ich fürchte, man hat es mit dem Regentanz ein wenig übertrieben. Denn geregnet hat es gestern. Und nicht zu wenig.
Schön war`s trotzdem bei Stephanie und Olaf in der Werkstatt!!!
Aber lest selbst, wie es dazu kam...

Viele Grüße
Andrea



Tenskwatawa

1888. Der Chaco Canyon im trockensten August, an den sich die Hopi Indianer erinnern können. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Die Erdkruste ist ziegelartig aufgeplatzt und der Colorado-River zu einem braun-schlammigen Rinnsal verdampft. Ein Tigersalamander sucht Kühle in einer Mauerspalte des Pueblos. Roter Sand, fein wie Puddingpulver, weht durch den Canyon.
Es ist Zeit um Regen zu bitten. Zeit für den Schlangentanz. Der treibende Rhythmus der Trommeln, die Gesänge und das Meskalin von vier oder fünf Peyotekakteen, ebnen ihm, Tenskwatawa dem Schamanen, den Weg zu den Göttern. Dem treibenden Rhythmus der Trommeln folgend, ziehen die weißen Wolken am hellblauen Himmel schneller und schneller dahin.
Tenskwatawa hält die mit Mehl bestäubte Klapperschlange erst der Sonne entgegen, dann verbeugt er sich mit ihr vor der Erde. Perlenbestickte Mokassins berühren schnell und leicht den Boden. Die Adlerfedern seiner Flechtfrisur, wippen im Takt. Er spürt das Gewicht der Schlange in seinen Händen und die Sonne auf seiner Haut.
Die Farben des Canyons verschmelzen mit denen des Himmels. Die Sonne beginnt bereits hinter den Tafelbergen zu versinken, als der Boden unter Tenskwatawas Füßen erzittert. Das wird der Donner sein, der dem Regen vorauseilt. Er sinkt auf die Knie. Tenskwatawa fühlt sich Manitu ganz nah, so wie damals, als er vom Stammesältesten seinen Namen erhielt. Tenskwatawa , „Die offene Tür“.

Die Männer hören auf zu trommeln. Seltsam. Tenskwatawa zwingt seinen Geist zur Erde zurück. Unter halbgeschlossenen Augenliedern erblickt er eine grauschwarze Wolke am Horizont. Seine Brüder flüchten in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Stimmen klingen drängend, als sie nach ihm rufen. Er kann nicht laufen, denn seine Beine sind noch nicht auf der Erde angekommen. Die Wolke kommt auf ihn zu. Aus dem Grauschwarz schälen sich massige Gestalten. Bisons, wütende Bisons.
Er bemerkt, ohne es zu sehen, dass etwas hinter ihm aufgetaucht ist. Seine tastenden Fingerkuppen treffen auf warmes, raues Holz. Sollte das die Tür, sein Schutzgeist sein?
Tenskwatawa sieht schon das Rot im Auge der Bisons und die Luft ist mit ihrem Geruch durchtränkt. Er setzt alles auf eine Karte und stößt die Tür mit der Schulter auf, überlässt die Schlange ihrem Schicksal und stürzt auf die andere Seite.
*
August 2008 im Garten des Ateliers Chaco.
Die blonde Frau trägt ein türkisfarbenes Kleid mit aufgestickten silbernen Federn. Sie steht vor der blauen Tür in der Hecke. Ihre Hand umfasst ein Glas Prosecco und das führt sie immer wieder zum Mund. Sie spricht die ausstellende Künstlerin an „: Frau Ahn, was genau war ihre Intention diese Tür an eben dieser Stelle zu platzieren?“ Stephanie Ahn will gerade antworten, als die Tür mit einem Knall aufspringt. Die Türkise wird durch die Wucht der sich öffnenden Tür in die Hecke gepresst. Benommen hängt sie im Grün und das Glas Prosecco landet mit einem dumpfen Aufprall auf dem Beet. Die Türkise folgt dem Glas wenig später.
Tenskwatawa schließt die Tür, so schnell er kann und stemmt sich mit dem Rücken dagegen. Alle Besucher des Chaco-Gartens hören das Schnauben auf der anderen Seite der Tür.
Aus wachsamer Haltung schaut Tenskwatawa in die Runde. Weiße. Merkwürdig gewandete Weiße! Eine davon liegt auf der Erde. Macht man das hier so? Als er den Blick anhebt sieht er ein Pueblo, Wappenpfähle, Kokopellis und Salamander aus Eisen. Ist er bei Manitu?
Da sind zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, in Indianerkleidung, sogar eine Feder tragen sie jeder auf dem Kopf. Die Federn sind an einem Papierband befestigt. Das darauf `Neue Westfälische` steht, bleibt Tenskwatawa verborgen. Die beiden lächeln ihn an. Tenskwatawa nickt ihnen zu und macht das Zeichen für Freund, indem er zwei Finger seiner rechten Hand hebt.
Einer der Gäste hält das Erscheinen Tenskwatawas für eine Showeinlage und applaudiert. Er schlägt vor, einen Regentanz zu zelebrieren.
Die Türkise ist sofort dabei. Der Gast und die blonde Frau ziehen im Rhythmus imaginärer Trommeln Bahnen durch den Garten. Der Rest der Gesellschaft schließt sich dem Regentanz, der eher eine Polonaise ist, nach und nach an.

Tenskwatawa beobachtet still das Treiben. Die spinnen, die Weißen!
Unerwartet zerspringt ein dicker Regentropfen auf seiner Nase. Ein weiterer perlt seine Wange hinunter, dann noch einer und noch einer... Tenskwatawa stößt einen wilden Kehlkopflaut aus. Er hält sein Gesicht dem Himmel entgegen und genießt den stärker werdenden Regen. Manitu hat ihn gehört. Oder war es der Zauber der Weißen? Vielleicht können sie doch mehr, als man ihnen zutraut.

Nun, er will zurück. Er geht auf die blaue Tür zu und hält sein Ohr an das Holz. Erst dann öffnet er sie vorsichtig. Bevor er hindurchgeht, dreht er sich noch einmal um und verabschiedet sich mit dem Handzeichen für Freund von den Stadtindianern. Die Türkise reckt den Hals und starrt wie alle anderen, gebannt auf die geöffnete blaue Tür. An der Türschwelle vermischt sich Kerria japonica mit verregnetem Steppengras. Tenskwatawa schreitet weiter in sein Land. Je kleiner er durch die Entfernung zu werden scheint, desto mehr verweben sich die orangeroten Töne des Canyons mit dem Grün der Hecke. Die blonde Frau seufzt unüberhörbar. Allen tränen schon die Augen, denn keiner traut sich zu blinzeln, niemand will etwas verpassen. Aber schon beim nächsten, unabänderlichen Wimpernschlag ist die Hecke wieder eine Hecke, in deren Grün eine blaue Tür steht.



Andrea©Gehlen Juni 2008

Montag, 11. August 2008

BuchBar Lesung




Hallo zusammen,
es ist mal wieder so weit. Meine Zweitfamilie und ich als BuchBar lesen Euch ´was vor. Was genau, wird eine Überraschung - für alle Beteiligten. Nur so viel, es ist bestimmt für jeden etwas dabei.
Am 23 August um 17 Uhr im Atelierhaus Chaco in der Weststraße 32 in Bielefeld.
Im Zaubergarten von Stephanie Ahn & Olaf Hülsmann im Rahmen der offenen Ateliers und der offenen Gartentore. Eintritt frei.

Wir freuen uns auf Euch

Viele Grüße

Andrea

Donnerstag, 17. Juli 2008

Bin wieder da

Hallo zusammen,
sorry für die Verspätung! Ich war mal kurz weg. Im Urlaub. Die Kanufahrt habe ich für Euch aufgeschrieben.

viele Grüße

Andrea




Hvor star du?

Westjütland im Juli. Heute ist ein Tag zum Kanufahren.
Die Sonne lacht und drei von fünf Familienmitgliedern haben Lust zu paddeln. Der Rest ist zwölf und dreizehn Jahre alt und zu cool für schnöde Familienunternehmungen.
Schon sind wir da, am Rorbaeck See. Aber eben nur wir. Weit und breit kein Mensch, der unser Geld haben möchte. Nur ein Zettel mit in krakeliger Handschrift transkribierter Telefonnummer flattert eisennageldurchbohrt an der Tür des Verleiherhäuschens. Mein Handy liegt zu Hause. Hatten wir nicht vorhin eine Telefonzelle gesehen? An der nahegelegenen Imbissbude ist tatsächlich eine. Kleingeld haben wir auch! Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Meine bessere Hälfte wählt und versucht sich mit einem Dänen verständigen, der anscheinend kein Wort Deutsch oder Englisch spricht. Leider verfügen wir nur über geschätzte zwanzig dänische Vokabeln, zusammen! Nach zehnminütiger ergebnisfreier Verständigung wird mir der Hörer in die Hand gedrückt. „Frauen können so etwas besser“, höre ich noch und mein Liebster verschwindet mit unserem Sohn in der Imbissbude um ein Eis zu kaufen.
„Hallo?“
„Goddag“, sagt eine freundliche ältere Männerstimme.
„Wir sind am Vestermöllevej und möchten ein Kanu mieten. Können Sie kommen?“
„Heute or Morgen?“
„Äh, heute, jetzt.“
„Hvor star du?“
Das habe ich verstanden. Wo bist du? , heißt das auf Deutsch.
„Hier, am Rorbaeck See bin ich,“ verkünde ich stolz.
Es folgt ein längerer Monolog in reinstem Dänisch, der mit der Frage „Hvor star du?“, abschließt. Krone um Krone versickert im Münzautomaten. Dänisch ist eine reizende Sprache. Wobei der Begriff reizend im Verlauf dieses Gesprächs eine andere Bedeutung bekommt. Ich denke an Haushaltsmittel auf deren Etikett ein Totenkopf abgebildet ist mit den Worten „Vorsicht reizend“.
Nach zwanzig Minuten setze ich diesem Dänen ein Ultimatum. Entweder er will mich jetzt verstehen oder es wird eben heute kein Kanu gefahren! Ein letztes Mal noch versuche ich ihn herbeizuholen „Bis gleich, ja?“ , Als er in gut verständlichem Deutsch behauptet „: Ich hole jemanden, der spricht Deutsch.“
„Ja, bitte, holen, bitte, ja.“ Ich sehe einen Silberstreif am Horizont.
Moment, was war das denn? Der kann ja doch Deutsch. Wen holt er jetzt ans Telefon? Seine deutschsprachige Frau?
Nein, es muss der Stimme nach sein Enkel sein. „Hello“, spricht dieser, „Do you speak Englisch?“
„Yes, I do“, antworte ich und hoffe, dass das grammatikalisch richtig ist. Auch er will uns erklären, wo wir hinmüssen. Dabei stellt sich später heraus, dass wir keine hundertfünfzig Meter voneinander entfernt waren. Diese Dänen befanden sich in der Räucherei, in Sichtweite der Telefonzelle. Ich glaube, wir haben sie einfach nur beim Fische ausnehmen und Aquavit trinken gestört. Ich meine irgendwo zwischen den wettergegerbten Falten des Älteren ein schadenfrohes Lächeln auszumachen.

Kurze Zeit später befinden wir uns auf dem Wasser. Mitsamt unserer Kühlbox, in der sich allerhand Grillschätze befinden. Nach dem Kanu fahren wollen wir am Zielpunkt grillen. Allerdings müssen wir dort erst einmal hinkommen. Wir haben schon Erfahrungen mit dem Kanufahren gesammelt aber in der Mitte des Sees wehen mindestens fünf Beaufort. Unter höchstem Einsatz körperlicher und mentaler Kräfte schaffen wir es den ruhigeren Flussarm zu erreichen und treiben, zu geschwächt, um das Kanu zu wenden, rückwärts unter der Brücke durch.

Dann wird es ruhiger und wir fangen an die Fahrt zu genießen. Mit ungefähr drei Stundenkilometer zieht unberührtes Juligrün an uns vorbei. Enten und ihr flaumiger Nachwuchs begleiten uns ein ganzes Stück. Wenn auch mit gebührendem Sicherheitsabstand.
Wir kommen gut voran. Die leichte Strömung treibt uns. Mit der Strömung treiben auch unsere Gedanken dahin. Am Himmel weiße Gnubbelwolken, die im Lichtblau des Himmels schwimmen. Am Kulsee stehen vier Kühe knietief im Wasser. Ob die wohl ausgebüxt sind oder dürfen dänische Kühe nach der Arbeit ein wenig schwimmen gehen?

Eine Libelle hat sich auf dem Bug unseres Kanus drapiert. Ganz die junge Kate Winslet auf dem Bug der Titanic. Sie breitet ihre Flügel aus und lässt sie von der Sonne durchwärmen. „My Heart will go on”, schmalzt es in meinem Kopf. Nein, also Celine Dion kann ich beim besten Willen nicht beim Kanufahren gebrauchen. Ab ins Eismeer oder nach Las Vegas mit dir Celine. Die Libelle fliegt davon.
Und da sind wir schon am Ziel. Dem Hastrup Rasteplads. Wir ziehen das Kanu an Land, packen die Rettungswesten hinein und die Kühlbox heraus. Es war wieder einmal richtig schön. Ich freue mich jetzt schon auf unsere nächste Fahrt.

Meine bessere Hälfte, der Mann der Feuer machen kann, entfacht die Glut. Unser jüngster nimmt die Umgegend in Gummistiefeln und Cowboyhut in Augenschein. An den grob behauenen Holzstämmen, die den Campingplatz*, umkränzen, ist ein Schild mit dem Wort "Malet“ angeschlagen. Was soll das denn jetzt wieder heißen? Unser Spross verkündet stolz, dass er es schon weiß. Er hat es ausprobiert, am eigenen T-Shirt. „Malet heißt "Frisch gestrichen", sagt er und zeigt uns stolz den neuen Streifen auf seinem Bo-Bendixon-T-Shirt. Das Kind ist clever!
Für diejenigen, die es interessiert, die Umzäunung des Campingplatzes ist im Orange der dänischen Würstchen, der Poelser, gehalten. Ich bekomme Hunger.
Schnell noch ein paar Frikadellen aus dem mitgebrachten Hackfleischteig geknetet, die Stefan der unschlagbare Grillmeister, mit dem anderen Grillgut, unter anderem den eingelegten Auberginen, auf den Rost wirft. Es schmeckt uns dreien vorzüglich.
Kugelrund und glücklich packen wir unsere Sachen zusammen und versprechen dem Fluss nächstes Jahr wieder zu kommen. Bis dahin lernen wir noch mehr dänische Vokabeln. Mindestens zehn dazu. Um gerüstet zu sein, wenn es dann wieder heißt: "Hvor star du?“

Farvel (Tschüß)

Andrea

Donnerstag, 8. Mai 2008

Misstrauen ist ansteckend

Hallo zusammen,
die Geschichte ist entstanden, als ich mit meiner Zweitfamilie BuchBar in der Buchhandlung Boulevard nachts geschrieben habe. Sigrid hatte die "Übernachtung" in beim Westfalen-Blatt gewonnen. Thomish hatte im Vorfeld das Buch "Charakterbilder von Theophrast" ausgegraben und jeder bekam per Los einen Charakter, den er an einem Ort in der Buchhandlung treffen sollte. Ich traf den Misstrauischen am gelben XXL-Sofa. Bin ja bloß froh, dass es nicht der Grobian war.
viele Grüße
Andrea



Misstrauen ist ansteckend


Sie war schon seit Stunden unterwegs. Hosen kaufen. Das ist mit Abstand das schwerste Unterfangen für eine Frau mit einer schwierigen Figur. Kommt davon, wenn man die Finger nicht von der Schokolade lassen kann.
Hosen kaufen, das war eine beschwerliche Reise durch samtverhangene Folterkammern. Wo grausame Verkäuferinnen augenblicklich erschienen, wenn sie versuchte die Hose über ihrer Problemzone zusammenzuquetschen. Die dann zuckersüß fragten“: Uhund passt DIE denn?“ In einer solchen Situation noch freundlich zu bleiben, das zeigt wahre Größe.
Sie schaffte es gerade noch die dürre Ziege nicht anzufallen und zu antworten“: Schon ganz gut, aber die ist es noch nicht.“
In Hosen mit niedrigem Bund sah sie aus wie ein Eierbecher aber die mit Komfortbündchen kamen nicht in Frage. Karottenjeans ließen ihr künstliche Reiterhosen aus Stoff wachsen. Die meisten behinderten die natürliche Atmung oder gingen erst gar nicht zu.
Nach Anprobe von 420 Beinkleidern klebte die Zunge am Gaumen, die Frisur war restlos ruiniert und man sah ihr an, das dieser Einkauf kein Zuckerschlecken war. Woher bloß nahm sie den Mut immer wieder das Unmögliche zu versuchen? Am allerliebsten hätte sie ein bequemes Bärenfell als Alltagsbekleidung gewählt. Denn keine Hose auf diesem und den umliegenden Planeten wurde je für sie geschneidert.

Sie wollte nur ein Weilchen auf dem gelben XXL Sofa in der Boulevard Buchhandlung sitzen. Ihr Trostsofa nach erfolglosen Jagten auf passende Hosen. Auf dieses Sofa würden noch zwanzig andere schwierige Figuren passen und sie würde darauf ausruhen, bevor sie sich nach Hause schleppen würde. Die unzähligen schweigsamen Bücher geben ihr die Möglichkeit sich abzulenken und die Schmach der grell beleuchteten Umkleidekabinen in Druckerschwärze versinken zu lassen.

Wieso schlich der kleine Mann immer um den Büchertisch herum, der vor dem Sofa aufgestellt war? Wieder und wieder kreiste er um den Tisch. Ein Wunder, dass sich die Titel nicht unter seinen Peter-Lorre Blicken zersetzten. Ab und zu schielte er zu ihr herüber. Sie blickte durch ihn hindurch, damit er ja nicht auf die Idee käme, sie anzusprechen. Dann versenkte sie sich in den Regionalkrimi „Am Abgrund“ von Jürgen Siegmann.
Das Problem war, dass der kleine Mann mit dem stramm über dem linken Ohr ansetzendem Seitenscheitel freigiebig Schwaden von altem Schweiß freisetzte. Er hatte eine mausgraue Polyesterjacke und eine bügelfreie Hose der gleichen Farbe an. Er lächelte in ihre Richtung. Ein schiefes verzerrtes Lächeln, bei dem er versuchte, den fehlenden Schneidezahn zu verbergen. Was bloß wollte er von ihr?
Er fingerte mit der rechten Hand an seiner linken Jackenbrusttasche herum, warf einen schnellen Blick nach hinten und fragte sie dann mit leiser Fistelstimme“: Wissen Sie eigentlich wie viele Leute dieses Buch vor Ihnen in der Hand hatten. Und vor allem was sie vorher mit ihren Hände angestellt haben? Vielleicht hat es der arme Mann der mit Ebola auf der Intensivstation liegt, gestern noch in der Hand gehabt. Oder eine Chemiefachlaborantin hat sich nicht die Hände gewaschen und in den Poren des Papiers kleben Pestbakterien.
Oder stellen sie sich vor, sie hätten eine Hundeallergie und vor ihnen hat ein Hundebesitzer das Buch in den verhaarten Händen gehabt. Was alles auf den Seiten haften bleiben könnte: Hautfett, Blut von winzigen Schnittwunden, Essensreste, Hautschuppen, Popel, Nissen, farblose Wimpern...
„Hören Sie auf“, unterbrach sie ihn. Der Mensch ist nun mal nicht keimfrei, sie auch nicht!“
„Nein, nein“, bestätigte der graue Zwerg flüsternd ihren Einwand. „Aber ich nehme nur ganz neue, in Zellophan eingeschweißte Bücher.“ Er nickte ihr verschwörerisch zu.“ Lieber einmal mehr aufgepasst, als zu früh gestorben.“
Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Einmalhandschuh aus der schmierigen Brustasche. Er ließ das Gummi über dem Handgelenk zuschnappen, fasste den eingeschweißten Bestseller mit Pinzettengriff und ließ sie verdattert sitzen.
Nicht ohne einen angeekelten Blick auf das aufgeschlagene Buch zu werfen, das ihre Knie wärmte.

„So ein Idiot“, dachte sie und atmete tief durch, als er sich endlich entfernte und die Luft den Schweißgeruch verlor. Sie würde sich den Spaß von so einem misstrauischen Hypochonder nicht verderben lassen.
Sie wendete sich wieder dem Krimi zu. Doch wichen ihre Augen beim Lesen von den eleganten Formulierungen und erstaunlichen Wendungen ab. War da nicht ein Fleck neben dem P von Polizei? Vielleicht hatte der graue Zwerg doch nicht ganz unrecht und sie fing sich gerade in diesem Moment eine unheilbare Infektionskrankheit ein.

Sie schloss das Buch. Nein, nicht deswegen. Deswegen doch nicht. Aber ihr war plötzlich eingefallen, dass sie schon lange nach Hause wollte, sich mal gründlich die Hände waschen.




Andrea©Gehlen

Montag, 28. April 2008

Hallo zusammen,

Gestern war ich mal wieder mit der Wortwerkstatt BuchBar unterwegs. Wir haben unsere Texte im Rahmen des Literarischen Spaziergangs, im Stiftsgarten vorgetragen.
Das Wetter war erstklassig, die Gedichte von Sigrid Lichtenberger zart und eindrucksvoll, die Akkordeonmusik von Annette Grahl und ihrem Ensemble einfach nur schön, die Ankündigung toll und das Publikum unschlagbar.
viele Grüße
eine sehr zufriedene Andrea



Der Spatz

Sie wollte schon länger über die Brücke gehen. „Bloß nicht“ habe ich gesagt, „wer weiß was am anderen Ende auf dich wartet.“ Sie hat sich nicht aufhalten lassen.“ Bis später“ hat sie gesagt. Und ist den Weg über die Brücke gegangen, nicht ohne mir zuzuwinken. Je weiter sie ging, desto mehr schien sie sich aufzulösen, unaufhaltsam, sich mit Licht zu verweben. Dann war sie verschwunden.
Je länger ich auf die Stelle schaute, an der wir zuletzt zusammen waren, desto mehr Nichts sah ich. Gerufen habe ich nach ihr, geflucht und geweint, Schuldige gesucht. Vergebens.
Als es dunkel wurde und ich die Hoffnung verlor, landete ein kleiner Spatz direkt vor meinen Füßen, schaute mich mit schräggelegtem Kopf, mit wachen Knopfaugen an und stob davon. Da habe ich gedacht: Das ist sie. Das ist mein Spatz. Jetzt kann sie fliegen, frei und unbeschwert.
Flieg kleiner Spatz, flieg.










Andrea©Gehlen April 2008

Donnerstag, 3. April 2008

Ja, da lesen sie wieder

Hallo zusammen,
es ist wieder so weit. Katja und ich lesen am 5 April anläßlich des Frühlingsmarktes im Puddingtown Geschichtenmobil. Geschichten von Franz Hohler, Josef Guggenmos, Astrid Lindgren, Jan Van Leeuwen und andere.
Nur für Kinder.

Wir freuen uns
viele Grüße
Andrea

Montag, 31. März 2008

Katzengedicht

Hallo zusammen,
heute gibt es aus erlebten Anlass mal ein Katzengedicht.

Duales Wohnen
Unsere Katze gehört Frau Bresser.
Das Futter schmeckt ihr hier besser.
Auf meinem Sofa läßt`s sich gut lottern.
Frau Bresser kriegts raus und ich komm ins Stottern.

noch ein Katzengedicht von mir findet ihr unter www.musen-auf-vier-pfoten.de

bis demnächst
viele Grüße
Andrea

Samstag, 9. Februar 2008

Gnädigste es hat nicht gerummst

Autofahren ist gefährlich!
Jeder weiß es, alle tun es trotzdem. Davon handelt meine Februargeschichte. Details sind immer eine Sache der Wahrnehmung aber der Kern bezieht sich auf eine wahre Begebenheit vor dreizehn Jahren hier bei uns im schönen Bielefeld.

Viele Grüße

Andrea




Gnädigste es hat nicht gerummst


Ich fuhr mit meinem alten Kadett C durch meine Heimatstadt. Mein erstes eigenes Auto. Meine alte Freundin Irmela hatte ihn den Hornhaut-Umbrafarbenen genannt. Wegen der leicht ins gelbliche gehenden hellbeigen Lackierung. Die Blätter der Kastanien leuchteten bunt in der Altweibersonne. Wo ich herkam weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich auf dem Weg nach Hause war.

An einer T-Kreuzung staute sich der Verkehr an der abschüssigen Straße. Vor mir ein silberner Wagen mit vier kleinkarierte Hütchen tragenden Personen. Dicht hinter mir ein blaues Auto. Bitte nicht nach dem Modell fragen. Ich bin Friseurin. Ich achte auf Farben!

Aus irgendeinem Grund rollte das silberne Auto, warum ich mir die Marke gemerkt habe, dazu komme ich noch, langsam aber stetig auf mich zu. So was passiert auch wieder nur mir. Ich stellte dem Golffahrer ein stilles Ultimatum: Noch bis zum nächsten Alleebäumchen dürfte er sich vorwagen. Dann aber würde ich die Hupe einsetzen. Hoffentlich war sie nicht verrostet. Der silberne Blitz gewann an Fahrt und ließ das Ultimatumsbäumchen rechts liegen. Hinter mir, mittlerweile Stoßstange an Stoßstange ein blaues Auto. Ich hupte, sie funktionierte aber nichts veränderte sich. Jetzt tutete ich verzweifelt im Dauerton. So rostig, so schräg das würde Tote erwecken. Dachte ich, aber der Golffahrer machte keine Anstalten zu Bremsen. Manche haben einen beneidenswert gesunden Schlaf.

Es gab kein Entrinnen. Silbernes Blech würde auf hornhaut-umbrafarbenes prallen und wir würden sehen, was am Ende dabei herauskam. Jetzt stellte sich nur noch die Frage, wie stark die Wucht des Aufpralls sein würde. Ich war im neunten Monat schwanger. Mein Baby strampelte. Fühlte es meine Angst oder wollte es auch etwas sehen? Schon gab es einen fürchterlichen Krach.
Im silbernen Gefährt schien man aufzuwachen und reckte die Hälse. Selbige waren im Schnitt fünfundsechzig Jahre alt. Das Nummernschild des Golfs war halb abgerissen und die Schürze hatte eine veritable Beule. Wie mein Auto jetzt aussah, konnte ich von meinem Standpunkt aus nicht erkennen, denn die Autokolonne schob uns weiter. Weil es ja eine T-Kreuzung war, mussten wir abbiegen, und der Silberling würde sicher bei der nächsten Gelegenheit anhalten. Er würde aussteigen, sich entschuldigen, mich nach meinem Befinden befragen und dann würden wir die Polizei holen oder auch nicht. Mein Baby bewegte sich. Es hatte den Seegang im Fruchtwasser gut überstanden.

Aber der Golf hielt nicht an. Nicht an der ersten Parkmöglichkeit, nicht an der zweiten. Wut und Empörung verdrängten die Hoffnung und gewannen die Oberhand. Jetzt würde ich die Verfolgung aufnehmen, wenn es sein musste bis nach Chicago. Die nächste Ampel war rot, das Rasen hatte ihm nichts genutzt. Dem würde ich was erzählen.
Ich stieg in meiner wutentbrannten doppelten Leibesfülle aus und riss die silberne Fahrertür auf. Einfach abhauen, wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?

Der Fahrer war eine Fahrerin. Atemlos fragte ich sie, ob sie nicht gemerkt habe, dass sie mir vorne drauf gefahren sei. Nebenbei lugte ich auf die Schnauze von meinem Auto. Es schien kein sichtbarer Schaden entstanden zu sein. Ich schaute die wohlgenährte blondierte und stark geschminkte Frau erwartungsvoll an.
Sie sprach in blasiertem Ton folgende Worte „: Gnädigste es hat nicht gerummst“.
Es kam mir vor, als hielte die Welt den Atem an. In den Süden ziehende Vögel verharrten mitten im Flug, die Wolken erstarrten zu Vanilleeis, nicht der leiseste Windhauch ging.
Die kariert behütete knallte die Tür zu, fuhr mit quietschenden Reifen und schepperndem Nummernschild davon. Das war der Moment in dem ich mir die Automarke noch schnell merkte und das Kennzeichen mit zittriger Hand aufschrieb.

Wenig später, ich befand mich im Polizeipräsidium um Anzeige zu erstatten, besah sich ein netter Polizist den Schaden an meinem uralten Kadett und riet mir von einer Anzeige ab. Denn im silbernen Golf saßen vier Personen ich war nur eine. Also stand es vier zu eins für Hütchen. Meine Wut war mittlerweile sowieso verraucht und an meinem Auto konnte man nicht mal einen Kratzer erkennen. Wenigstens sah ihre Karre ordentlich kaputt aus.



Ps: Leute hütet euch vor silbernen Autos. Besonders vor denen einer bestimmten Marke und ganz besonders vor denen aus Gütersloh. Sofort die Flucht ergreifen, wenn Ihr herinnen einen, oder gar vier kleinkarierte Hüte seht. Ich hoffe aber Frau Hütchen hat ihren silbernen Rammbock nicht heimlich in irgendeiner gottverlassenen Scheune richten lassen, sondern ihn stillgelegt für immer und alle Zeit.

Dienstag, 29. Januar 2008

Hallo liebe Lesenden,
jetzt gibt es endlich wieder etwas zwischen die grauen Zellen. Schreibt doch mal Kommentare. Ich weiß, dass Ihr da seid ;-)
viele Grüße
Andrea





Geburtstag

Es gibt Tage, da liegt einfach kein Segen drauf. Mein Geburtstag, der zwölfte November ist so einer. Natürlich regnete es auch dieses Jahr und der Himmel war bleigrau und sonnenlos.

Frau Dose, alleinstehend, Erdgeschoss, wuchs auch heute scheinbar aus dem Nichts zwischen den Treppenhauskacheln hervor. Sie sucht stets das Gespräch, wenn es sein muss mit Gewalt. Das geht dann ungefähr so“: Guten Tag Frau Marosch, so ein Zufall, dass ich sie heute treffe. Der arme Hund war ja wieder sehr viel alleine, wie? Sie wissen doch, es würde mir nichts ausmachen auf ihn aufzupassen, wenn sie nicht da sind. Er guckt schon immer so verstört.“ Sie strich mit ihrer welken Hand erst die Kittelschürze glatt und danach beifallheischend Castor über den kantigen Schädel. Castor leckte ihr die Hand. Sie zog sie hastig zurück. Frau Dose hat feine Antennen, wenn es darum geht, ob der andere weich wird oder nicht. So merkte sie schnell, dass die Wogen der Begeisterung ob ihres selbstlosen Vorschlags nicht allzu hoch schlugen, man könnte auch sagen nicht einmal ein Rinnsal bildeten. Deshalb versuchte sie es auf die harte Tour: „ Sie könnten ja auch mal wieder Laub aufsammeln, sie haben noch junge Beine. Nach allem, was sie sich schon geleistet haben.“
Letztes Jahr, zufälligerweise an einem 12 November hatte ich sie nach einer durchfeierten Nacht bemüht interessiert gefragt, ob sie in den Urlaub fahren wolle. Was mir leider zu spät auffiel war, das es keine Reisekoffer waren die sie umringten, sondern gefüllte Laubsammeltüten. Seit dem habe ich einen schweren Stand bei ihr.
Es reichte. Ich katapultierte den sich sträubenden Castor mit einem energischen Tritt vor die Haustür und befreite mich so von Frau Dose.

Und jetzt das. Als mich bückte um Castors Geschäft mit dem Hundebesteck aufzusammeln, fiel mir mein Schlüsselbund aus der Lammfelljackentasche. Nein, natürlich nicht auf den Gehsteig. An so einem Tag musste es natürlich der Gully sein.
Ich schaute fassungslos und in rechtwinkliger Haltung meinem Schlüssel hinterher. Warum hatte ich keinen Aufprall gehört? Wie tief ist eigentlich der Schacht, der hinter dem Kanaldeckel seinen Anfang hat? Wo führt er hin? Sind die Kanalsysteme von Gütersloh und Bielefeld miteinander verbunden? Und fließt Gütersloher Wasser genau so unorthodox durch die Kanalstraßen wie Gütersloher in Bielefeld Auto fahren? Mündet dieser Schacht letztendlich im Panama Kanal? Wohnt dort jemand?
Ungeachtet meiner philosophischen Ansätze zerrte Castor an der Leine. Er wollte nach Hause. Er verstand nicht, warum ich auf den Knien vor dem Gullydeckel hockte und hineinstarrte, dazu noch im strömenden Regen. Die spinnen die Menschen.
Auf dem Schachtdeckel, der tonnenschwer auf dem schwarzen Loch lagerte und aussah wie ein Toaster mit sieben Schlitzen für sieben Toastbrotscheiben war auf einem Stahlschildchen Klasse C eingeprägt. Branding für Gullydeckel. Noch nie hatte ich mir den Bürgersteig so genau angesehen. Der Gehsteig, ein beschriebenes Blatt. Bremsspuren von Kinderrollern. Rußpartikel von ausgetretenen Zigaretten, getrocknete Zitroneneispfützen, Schuhcreme in allen Farben, in den Granit eingearbeitetes Kaugummi, dazwischen Ansätze von lebenshungrigem Unkraut.

Mir wurde kalt. Der Schlüssel musste wieder her und das am besten sofort. Ich versuchte den Gullydeckel mit der Kraft der Verzweiflung anzuheben. Er bewegte sich keinen Millimeter. Winzig kleine Steinchen und wer weiß was sonst noch hatten ein perfides Bollwerk gegen die unsachgemäße Anhebung des Deckels gebildet.
Ich hätte Frau Dose um Asyl bitten können, bis der Schlüsseldienst gekommen wäre. Aber nein, ein zu hoher Preis. Das hätte mich mindestens vier Stunden inmitten ihrer Zierpuppenarmee gekostet. Ich wäre von ihren selbstgerechten Monologen ungeschützt ausgeliefert gewesen. Alles, nur das nicht. Man lernt!
Ich hätte die Feuerwehr oder meinen Freund Atze vom Schrottplatz mit seinem Kranwagen bitten können. Statt dessen legte mich bäuchlings auf den Bürgersteig und versuchte mit meiner Haarspange, die ich an meine Jackenkordel gebunden hatte im Nichts zu fischen. Es roch nach Stein, Eisen und moderndem Laub. Ich versuchte mit den Augen den Schlüssel in der Tiefe zu ertasten. Nichts, nur saugende Schwärze. Aber was war das dahinter? Ich meinte einen von Rauch umdampften Glutkegel zu erkennen. Befand sich unter jedem Schacht eine Schlüsselverschmelzungsanlage und das so komprimierte Metall ginge per Transportband gleich in den Besitz der Stadt über?
Jetzt blubberte es auch noch wie ein Geysir in Island. Dann kamen die Rauchwölkchen. Sie waren hellrosa und schon bald fühlte ich mich wie ein chloroformierter Wattebausch. „Wer macht so was?“, dachte ich noch und fiel in tiefen Schlaf.

Als ich in der Ausnüchterungszelle der Polizei aufwachte, Castor lag zufrieden unter der Pritsche, tastete ich aus alter Gewohnheit meine Jackentasche nach dem Schlüssel ab. Er war da. Ich zog ihn aus der Tasche. Er war heiß und winzige Rauchwölkchen gingen von ihm aus.
Ängstlich fragte ich den Polizisten“ ist heute immer noch der 12 November?
„ Nein der 13.“ Ich rief immer wieder „Hurra“ und tanzte, die Arme wild zum Himmel werfend durch die winzige Zelle. Ich fürchte ich habe auch geweint vor Glück und ihn auf die unrasierte Wange geküsst. Gott sei Dank, es war vorbei.

Nächstes Jahr am 12 November wird mir nichts passieren. Dafür habe ich gesorgt. Der nette Polizist musste es mir schriftlich geben. Am 11 November nächsten Jahres werde ich nämlich inhaftiert. Damit ich einmal im Leben in Ruhe Geburtstag feiern kann. Ich bringe Torte mit.

Über mich

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Ich schreibe Geschichten. Und das meistens am Küchentisch. Über Themen rund um den Küchentisch. Kinder, Szenen einer Ehe, Intrigen, wunderbares und erstaunliches, schäbiges, abtrünniges, erbauliches, schaurig schönes, manchmal auch über einen kleinen Mord. Wie das eben so ist im Leben.