Hallo zusammen,
sorry für die Verspätung! Ich war mal kurz weg. Im Urlaub. Die Kanufahrt habe ich für Euch aufgeschrieben.
viele Grüße
Andrea
Hvor star du?
Westjütland im Juli. Heute ist ein Tag zum Kanufahren.
Die Sonne lacht und drei von fünf Familienmitgliedern haben Lust zu paddeln. Der Rest ist zwölf und dreizehn Jahre alt und zu cool für schnöde Familienunternehmungen.
Schon sind wir da, am Rorbaeck See. Aber eben nur wir. Weit und breit kein Mensch, der unser Geld haben möchte. Nur ein Zettel mit in krakeliger Handschrift transkribierter Telefonnummer flattert eisennageldurchbohrt an der Tür des Verleiherhäuschens. Mein Handy liegt zu Hause. Hatten wir nicht vorhin eine Telefonzelle gesehen? An der nahegelegenen Imbissbude ist tatsächlich eine. Kleingeld haben wir auch! Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen.
Meine bessere Hälfte wählt und versucht sich mit einem Dänen verständigen, der anscheinend kein Wort Deutsch oder Englisch spricht. Leider verfügen wir nur über geschätzte zwanzig dänische Vokabeln, zusammen! Nach zehnminütiger ergebnisfreier Verständigung wird mir der Hörer in die Hand gedrückt. „Frauen können so etwas besser“, höre ich noch und mein Liebster verschwindet mit unserem Sohn in der Imbissbude um ein Eis zu kaufen.
„Hallo?“
„Goddag“, sagt eine freundliche ältere Männerstimme.
„Wir sind am Vestermöllevej und möchten ein Kanu mieten. Können Sie kommen?“
„Heute or Morgen?“
„Äh, heute, jetzt.“
„Hvor star du?“
Das habe ich verstanden. Wo bist du? , heißt das auf Deutsch.
„Hier, am Rorbaeck See bin ich,“ verkünde ich stolz.
Es folgt ein längerer Monolog in reinstem Dänisch, der mit der Frage „Hvor star du?“, abschließt. Krone um Krone versickert im Münzautomaten. Dänisch ist eine reizende Sprache. Wobei der Begriff reizend im Verlauf dieses Gesprächs eine andere Bedeutung bekommt. Ich denke an Haushaltsmittel auf deren Etikett ein Totenkopf abgebildet ist mit den Worten „Vorsicht reizend“.
Nach zwanzig Minuten setze ich diesem Dänen ein Ultimatum. Entweder er will mich jetzt verstehen oder es wird eben heute kein Kanu gefahren! Ein letztes Mal noch versuche ich ihn herbeizuholen „Bis gleich, ja?“ , Als er in gut verständlichem Deutsch behauptet „: Ich hole jemanden, der spricht Deutsch.“
„Ja, bitte, holen, bitte, ja.“ Ich sehe einen Silberstreif am Horizont.
Moment, was war das denn? Der kann ja doch Deutsch. Wen holt er jetzt ans Telefon? Seine deutschsprachige Frau?
Nein, es muss der Stimme nach sein Enkel sein. „Hello“, spricht dieser, „Do you speak Englisch?“
„Yes, I do“, antworte ich und hoffe, dass das grammatikalisch richtig ist. Auch er will uns erklären, wo wir hinmüssen. Dabei stellt sich später heraus, dass wir keine hundertfünfzig Meter voneinander entfernt waren. Diese Dänen befanden sich in der Räucherei, in Sichtweite der Telefonzelle. Ich glaube, wir haben sie einfach nur beim Fische ausnehmen und Aquavit trinken gestört. Ich meine irgendwo zwischen den wettergegerbten Falten des Älteren ein schadenfrohes Lächeln auszumachen.
Kurze Zeit später befinden wir uns auf dem Wasser. Mitsamt unserer Kühlbox, in der sich allerhand Grillschätze befinden. Nach dem Kanu fahren wollen wir am Zielpunkt grillen. Allerdings müssen wir dort erst einmal hinkommen. Wir haben schon Erfahrungen mit dem Kanufahren gesammelt aber in der Mitte des Sees wehen mindestens fünf Beaufort. Unter höchstem Einsatz körperlicher und mentaler Kräfte schaffen wir es den ruhigeren Flussarm zu erreichen und treiben, zu geschwächt, um das Kanu zu wenden, rückwärts unter der Brücke durch.
Dann wird es ruhiger und wir fangen an die Fahrt zu genießen. Mit ungefähr drei Stundenkilometer zieht unberührtes Juligrün an uns vorbei. Enten und ihr flaumiger Nachwuchs begleiten uns ein ganzes Stück. Wenn auch mit gebührendem Sicherheitsabstand.
Wir kommen gut voran. Die leichte Strömung treibt uns. Mit der Strömung treiben auch unsere Gedanken dahin. Am Himmel weiße Gnubbelwolken, die im Lichtblau des Himmels schwimmen. Am Kulsee stehen vier Kühe knietief im Wasser. Ob die wohl ausgebüxt sind oder dürfen dänische Kühe nach der Arbeit ein wenig schwimmen gehen?
Eine Libelle hat sich auf dem Bug unseres Kanus drapiert. Ganz die junge Kate Winslet auf dem Bug der Titanic. Sie breitet ihre Flügel aus und lässt sie von der Sonne durchwärmen. „My Heart will go on”, schmalzt es in meinem Kopf. Nein, also Celine Dion kann ich beim besten Willen nicht beim Kanufahren gebrauchen. Ab ins Eismeer oder nach Las Vegas mit dir Celine. Die Libelle fliegt davon.
Und da sind wir schon am Ziel. Dem Hastrup Rasteplads. Wir ziehen das Kanu an Land, packen die Rettungswesten hinein und die Kühlbox heraus. Es war wieder einmal richtig schön. Ich freue mich jetzt schon auf unsere nächste Fahrt.
Meine bessere Hälfte, der Mann der Feuer machen kann, entfacht die Glut. Unser jüngster nimmt die Umgegend in Gummistiefeln und Cowboyhut in Augenschein. An den grob behauenen Holzstämmen, die den Campingplatz*, umkränzen, ist ein Schild mit dem Wort "Malet“ angeschlagen. Was soll das denn jetzt wieder heißen? Unser Spross verkündet stolz, dass er es schon weiß. Er hat es ausprobiert, am eigenen T-Shirt. „Malet heißt "Frisch gestrichen", sagt er und zeigt uns stolz den neuen Streifen auf seinem Bo-Bendixon-T-Shirt. Das Kind ist clever!
Für diejenigen, die es interessiert, die Umzäunung des Campingplatzes ist im Orange der dänischen Würstchen, der Poelser, gehalten. Ich bekomme Hunger.
Schnell noch ein paar Frikadellen aus dem mitgebrachten Hackfleischteig geknetet, die Stefan der unschlagbare Grillmeister, mit dem anderen Grillgut, unter anderem den eingelegten Auberginen, auf den Rost wirft. Es schmeckt uns dreien vorzüglich.
Kugelrund und glücklich packen wir unsere Sachen zusammen und versprechen dem Fluss nächstes Jahr wieder zu kommen. Bis dahin lernen wir noch mehr dänische Vokabeln. Mindestens zehn dazu. Um gerüstet zu sein, wenn es dann wieder heißt: "Hvor star du?“
Farvel (Tschüß)
Andrea